Liebe Forscher*innen
vor wenigen Tagen las ich auf Watson über die Entdeckung eines mittelalterlichen Adelssitzes in Baselland. Im Artikel nannten sie das ein "Weiherhaus". Wie muss man sich das vorstellen? Wie ein Einfamilienhaus im Teich? Woher kam das Wasser? Gab es eine Quelle oder einen Bach? Wie war das mit den Mücken im Sommer? Was mich besonders interessiert: Konnte man im Winter nicht einfach das Haus stürmen, wenn das Wasser gefroren war? Ich finde Burgen und Ritter interessant. Herzliche Grüsse Hidajet
Besten Dank für Ihre spannenden Fragen.
Grundsätzlich ist es so, dass im 10./11. Jahrhundert erste wichtige Adelsfamilien begannen, ihre Wohnsitze zu befestigen. Man versuchte auf diese Weise zum einen, seinen Besitz zu sichern. Zum anderen dienten diese befestigten Adelssitze auch der Repräsentation. Die Burg sollte nicht nur vor äusseren Feinden schützen, sondern durchaus auch vor der eigenen Bevölkerung. Diese beutete man in der Regel recht skrupellos aus.
Einen naheliegenden Schutz bieten Anhöhen und steil abfallende Felsrippen. Das ist die geläufigste Standortwahl für eine Adelsburg. Die Höhenburgen hatten den Vorteil, dass sie nicht nur gut geschützt, sondern in der Regel auch weithin sichtbar waren. Die Burgherrschaft "markierte" ihr Territorium geradezu mit solchen Bauten. Es gibt aber auch Burgen, oft besonders frühe Anlagen, die näher bei den Siedlungen lagen. Weil da der topografische Schutz meist nicht gegeben war, schüttete man künstliche Hügel – so genannte Motten – auf, auf denen man dann einen befestigten Turm errichtete. Der Büchel in Zunzgen (Kanton Baselland) ist eine solche Burgmotte.
Und dann gibt es eben auch Adelssitze in den Talniederungen, die durch Wassergräben geschützt waren. Die Idee, eine befestigte Burg am Wasser zu errichten, ist alt. Am Lac de Paladru (Département Isère, Frankreich) gibt es eine solche, nur mit Holz errichtete Anlage, die bereits um 1000 n. Chr. entstanden ist. Das berühmte Schloss Chillon am Genfersee könnte ähnlich frühe Ursprünge haben. Wenn der See fehlt, besteht die Möglichkeit, die Anlage mit Wassergräben zu schützen. Das "Weiherhaus" bei Gelterkinden, von dem Sie gelesen haben, ist ein solches Beispiel. Wir vermuten, dass man den nahen Eibach gestaut hat, um ein konstantes Wasserniveau halten zu können.
Solche Weiherhäuser gab es in der Region Basel (und darüber hinaus) in etlicher Zahl. Weil sie so schön bequem im Tal lagen, blieben sie auch bewohnt, als die alten Höhenburgen längst wieder aus der Mode gekommen waren und der Schutzgedanke immer nebensächlicher wurde. Wasserschlösser wie Binningen, Bottmingen oder Pratteln (um bei Beispielen aus dem Kanton Baselland zu bleiben) sind bis heute intakt geblieben.
Diese Schlösser widerspiegeln jedoch nicht mehr ihre ursprüngliche, mittelalterliche Form. Deshalb sind Ausgrabungsbefunde wie in Gelterkinden, die einen Zustand des 14./15. Jahrhunderts zeigen, für die archäologische Forschung so wichtig. Es scheint sich in Gelterkinden um einen mächtigen, rechteckigen, sicher mehrgeschossigen Bau aus meterdicken Bruchsteinmauern gehandelt zu haben, der ziemlich direkt von einem Wassergraben umgeben war. Er was 14 Meter breit, wahrscheinlich mindesten 20 Meter lang und hatte ein Ziegeldach. Noch ist aber nicht der gesamte Grundriss bekannt.
Ich denke schon, dass man im Sommer mit Mücken zu kämpfen hatte in einem solchen Weiherhaus. Aber da im Mittelalter die Felder ohnehin noch viel weniger reguliert waren und viele Feuchtgebiete und Sumpfe existierten, dürfte das nicht besonders aufgefallen sein.
Ihre Frage, ob das Haus im Winter, bei zugefrorenen Gräben, nicht ungeschützt dalag, ist durchaus berechtigt. Aber zum einen bot der massive Steinbau natürlich auch ohne die Gräben einen gewissen Schutz (er musste im 14./15. Jahrhundert ja auch bereits Schusswaffen standhalten). Und zum anderen galt auch im Kriegs- und Fehdewesen eine gewisse Winterruhe. Denn auch für Angreifende waren Minustemperaturen eine harte Herausforderung. Stellen Sie sich einmal vor, Sie müssten bei Eiseskälte stundenlang in einer eisernen Ritterrüstung ausharren ;-)
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